Was müsste man nicht alles wissen, um eine hundertprozentige Wahlprognose treffen zu können? Zum Beispiel müsste bekannt sein, in welchen Wahlkreisen am Wahlwochenende Dorffeste stattfinden, wie viele Besucher dort erwartet werden und nicht zuletzt, wie hoch der Bierpreis ist, um den Anteil an Wahlberechtigten zu bestimmen, der garantiert den Sonntag mit einem Brummschädel auf der Couch verbringen wird. Das reicht freilich noch nicht, denn ebenso müsste man wissen, wie die Einkommenssituation der Verkaterten ist, wie sie zu richtungsweisenden Fragen stehen und ob sie überhaupt vor hatten, der Wahlurne einen Besuch abzustatten. Haben sie Kinder? Unter 12? Dann steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie trotz Kopfschmerzen frühzeitig geweckt und “mobilisiert” werden. Oder das Restwochenende auf dem Spielplatz verbringen - je nach Wetterlage, Bildungsstand und Interessen der Kinder, versteht sich.
Wurde je untersucht, wie sich der Gewinn der Deutschen Fußballmeisterschaft auf die Wahlen auswirkt? Bleiben die Bayern ihrer CSU treuer, wenn der FC Bayern München die Schale holt? Oder profitiert andernfalls die SPD, weil ein Titelgewinn für Schalke oder Dortmund ihre alte Stammklientel im Ruhrgebiet beflügelt?*
Kann ein klarer Sieg im Kanzlerduell durch einen Politmagazin-Beitrag über einen Korruptionsskandal im Ortsverband Lippstadt zunichte gemacht werden? Oder entscheidet nicht doch ein bisschen, ob am Abend vor der Wahl “Rosamunde Pilcher” oder “Wetten dass...” ausgestrahlt wird? Vorausgesetzt natürlich, in den Nachrichten dominieren nicht zeitgleich Kriegsbilder oder Meldungen über eine Naturkatastrophe. Aber, was wenn doch?
Wäre es bekannt, wie viele kinderlose Dorffestbesucher mit welchen Präferenzen auf dem Sofa lägen, wäre es bekannt, ob an jenem Tag im September die Sonne scheint, es gewittert oder Saurer Regen vom Himmel prasselt, wäre es bekannt, wie viele Fans welcher Mannschaft was wählen, wüsste man, wie hoch die Einschaltquote für welches Programm wäre und wären noch rund 20.000 weitere Faktoren und ihr Einfluss auf den Wahltag bekannt, so könnte man damit eine Prognose erstellen, die das Wahlergebnis bis auf das Hundertstelprozent genau abbildet. Das Problem: Etwa 20.000 dieser 20.000 Faktoren bleiben im Nebel. Was die rund 62 Millionen Wahlberechtigten am Tag der Bundestagswahl tun werden, lässt sich nur erahnen. Derzeit wissen wir nicht einmal, ob und wie viele von ihnen diesen Tag in den Ferien verbringen werden.
Dennoch: Eine falsche Prognose kann nur zwei Gründe haben. Eine fehlerhafte Berechnung oder ein Mangel an Information. In der Regel trifft für jede Prognose beides zu und dabei reicht ihre Abweichung zur Realität von minimal bis gravierend.
Bei der Sonntagsfrage handelt es sich um eine Projektion. Die Umfrageteilnehmer nennen nicht die Partei, die sie am Wahltag mit Gewissheit wählen werden, sondern sie entscheiden, wen sie wählen würden, wenn am kommenden Sonntag die Bundestagswahl stattfände und, was nicht unwichtig ist, wenn diese Wahl am Telefon getroffen würde. Selbst dabei wird der Interviewer aber auch angeflunkert. Sozial unerwünschte Parteien werden in Befragungen seltener genannt, als sie tatsächlich gewählt werden. Dies müssen nicht nur Parteien vom linken oder rechten Rand sein, derzeit mag sogar die FDP als sozial unerwünscht gelten. Bei den rund tausend Befragten pro Sonntagsfrage beträgt die Wahlbeteiligung stets 100%, ein Spitzenwert, auf den jede Diktatur stolz wäre. Tatsächlich aber verweigert rund ein Viertel der Wahlberechtigten den Urnengang. Das sind beileibe nicht alle Fehler, die sich in die Umfragewerte einschleichen.
Sind die Projektionen deshalb nicht wertlos? Nein, ganz und gar nicht. Sie geben eine verlässliche Aussage über die politische Stimmung im Land. Sie sind notwendiges Instrument, aber bilden nie die ganze Wahrheit ab. Im Jahr 2005, nur wenige Tage vor der Bundestagswahl, sahen die Demoskopen die Union im Schnitt bei 41,6 Prozentpunkten. Am Wahltag brachten es CDU und CSU jedoch nur auf 35,2% - eine massive Abweichung von knapp 6%. Auch 2009 wurde die Union überschätzt, jedoch nur um 1,2%. Im Nachhinein lassen sich die Abweichungen erklären, aber konnten sie auch vorhergesagt werden? Ja, wenigstens anteilig. Zwar lagen alle renommierten Institute bei ihren Projektionen etwa gleich falsch, so dass sich behaupten ließe, niemand hätte den Wahlausgang wirklich kommen gesehen, jedoch kann die Verlässlichkeit von Umfragewerten auch vor der Wahl eingeschätzt werden. Man könnte entgegenhalten, die unentschlossenen Wähler seien in den Umfragen nicht korrekt erfasst worden, ihr Verhalten sei zu volatil und letztlich entscheide doch immer die Wahlbeteiligung darüber, wie eine Wahl ausgehe. Dies ist nicht falsch, doch wir erinnern uns, wären alle entscheidenden Faktoren bekannt, so wäre auch die Prognose zutreffend.
Natürlich lassen sich nicht alle Faktoren ermitteln, aber nicht nur Einschätzungen zur Wahlbeteiligung sind anhand von Erfahrungswerten und einer genauen Beobachtung des Wahlkampfes durchaus möglich. Um nun eine einigermaßen verlässliche Voraussage zum Wahlausgang zu treffen, bedarf es also nicht nur der Sonntagsfragen selbst, sondern vor allem einer Interpretation, die möglichst viele Faktoren möglichst genau berücksichtigt und ihren Einfluss auf die Wahlentscheidung - Sie ahnen es bereits - möglichst genau einschätzt. Kurz, es bedarf eines Modells, das die politische Stimmung im Land erfasst und geeignet ist, daraus eine hinreichend zutreffende Prognose für die anstehende Bundestagswahl zu formulieren.
Die Aufgabe dieses Blogs ist es, ein solches Modell vorzustellen, seine Ergebnisse auszuwerten und zu interpretieren. In etwa einem Dreivierteljahr wird sich dann zeigen, ob es dem Anspruch einer zuverlässigen Prognose genügt.
Ursprünglich sollte das Modell die Ergebnisse in allen 299 Wahlkreisen vorhersagen. Die Vorteile liegen auf der Hand: Demographische Faktoren können genau in die Berechnung mit einbezogen werden, einzelne Fehleinschätzungen wiegen nicht sonderlich schwer und so genannte bundesweite Trends können auf ihren Urspung, Wählergruppen und regionale Erscheinungen heruntergebrochen werden. Jedoch hat diese Variante neben einem erheblichen Aufwand auch einen anderen entscheidenden Nachteil: Es herrscht ein großer Datenmangel. Verlässlich sind nur die Wahlkreisergebnisse der letzten Bundestagswahl und selbst die liegen nicht überall vor, da manche Wahlkreise in der Form nicht mehr bestehen. Auch die Bevölkerungsstruktur verändert sich so schnell, dass die Statistik im Detail nicht hinterherkommt. Arbeitet man überwiegend mit veralteten Daten und erlaubt sich dann auch noch einen kontinuierlichen Fehler in der Einschätzung, kommt es schnell zu einer völlig falschen Prognose.
Der Ansatz für das Modell musste also ein anderer sein. Aus 299 Wahlkreisen wurde ein Großer, die Bundesrepublik Deutschland. Der Unterschied zwischen West und Ost, arm und reich, jung und alt, Mann und Frau, Stadt und Land, mag noch so gravierend sein, aber er ist in den Umfragewerten der Institute bereits berücksichtigt. Für die Parteien macht es zunächst einen erheblichen Unterschied, ob sie in der Wählergruppe der männlichen Rentner in Westdeutschland oder den alleinerziehenden Müttern aus dem Osten punkten können, schließlich geht es darum, möglichst viele Potentiale zu erfassen. Am Wahltag jedoch interessiert nur noch, ob überhaupt gepunktet werden konnte - egal, von wem die Stimmen letztlich kamen.
Das Modell nimmt die Umfragewerte der Demoskopen als gegeben, aber nicht als endgültig. Sie bilden die Basis für weitere Berechnungen. Wahlbezogene Einzelfaktoren mit unterschiedlichem Einflussgrad, die teils wechselseitig wirken, werden in die Kalkulation miteinbezogen. So wird die repräsentative Projektion auf die Gesamtheit der Wahlberechtigten zurückgeworfen, mit dem Ziel, eine genauere Prognose zu erhalten. Und eben - falls das Modell versagt - mit der Gefahr, einer größeren Verzerrung und damit einer noch größeren Abweichung zum Wahlausgang.
In weiteren Artikeln werden die einzelnen Faktoren und Prädiktoren vorgestellt, ihre Einflussgrößen diskutiert und gegebenenfalls auch relativiert werden. Wöchentlich erscheinen an dieser Stelle die Output-Werte des Modells, die Funktionsmechanismen des Modells werden von Zeit zu Zeit erläutert und mit zusätzlichen Interpretationen zu Modell und Wahlkampf ergänzt. Besitzt das Modell am Ende eine niedrigere Abweichung zum Wahlergebnis als das beste Demoskopieinstitut, funktioniert es. Ist eines der Institute näher dran, hat das Modell versagt.
Das Modell trifft Voraussagen über dreizehn Werte. Den Zweitstimmenanteil der sechs großen Parteien (CDU/CSU, SPD, FDP, Grüne, Linke und Piraten) und der sonstigen Parteien, die Wahrscheinlichkeit eines Parlamentseinzuges von FDP, Linken und Piraten, die Wahrscheinlichkeiten für die unterschiedlichen Regierungskoalitionen (CDU/CSU und FDP, CDU/CSU und SPD, SPD und Grüne**), sowie eine Berechnung, welche Koalition es nach aktuellem Prognosestand werden wird. Dies ist nämlich nicht zwangsläufig die Koalition mit der höchsten Wahrscheinlichkeit. Das Kanzler-Meter gibt darüber zusätzlich Auskunft über die Chancen von Angela Merkel und Peer Steinbrück auf die Kanzlerschaft. Ein letzter Wert gibt an, welche Partei(en) das “Modellmomentum” inne hat/haben. Hierbei handelt es sich um die größtmöglichen Abweichungen vom gewichteten Umfragedurchschnittswert nach oben.
Falls nun die ersten Verständnisprobleme aufkommen, seien Sie beruhigt. Im weiteren Verlauf wird alles noch einmal detailliert erläutert. Lassen wir jetzt aber zunächst das Modell sprechen.
Modellprognosewerte vom 21.11.12
Zweitstimmenanteil:
| CDU/CSU | 37,07% |
| SPD | 29,79% |
| FDP | 5,04% |
| Die Grünen | 15,19% |
| Die Linke | 6,31% |
| Piratenpartei | 3,89% |
| Sonstige | 2,71% |
Koalitionswahrscheinlichkeiten:
| CDU/CSU und FDP | 30,59% |
| CDU/CSU und SPD | 47,08% |
| SPD und Grüne | 22,33% |
Regierungskoalition bei prognostiziertem Wahlausgang: CDU/CSU und SPD
Wahrscheinlichkeit für einen Parlamentseinzug:
| Die Linke | 82,21% |
| FDP | 51,05% |
| Piratenpartei | 22,81% |
Wahrscheinlichkeit für die Kanzlerschaft:
| Angela Merkel | 77,67% | |
| Peer Steinbrück | 22,33% | |
Modellmomentum:
Die Grünen (+ 1,7%)
*Meinem Kenntnisstand nach existieren solche Erhebungen nicht. Studien zum Einfluss von Weltmeisterschaften auf die Wahlen gibt es hingegen.
**Eine mögliche Regierungskoalition aus CDU/CSU und den Grünen wird nicht berücksichtigt. Zwar ist hier eine rechnerische Möglichkeit genauso wie bei einer Koalition aus CDU/CSU und SPD (fast) immer gegeben, politisch wird diese Konstellation aber ausgeschlossen. Die Gründe hierfür werden in einem weiteren Artikel in Kürze erläutert. Gleiches gilt für eine “Ampel-” oder “Jamaika-Koalition”, sowie für ein rot-rot-grünes Regierungsbündnis.




Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen