Die Grünen legen zu. Das zeigt nicht nur die neueste Forsaumfrage vom 21.11.2012, die die Grünen erstmalig nach mehr als zehn Monaten wieder bei 16% sieht. Auch das Modell berechnet für die grüne Partei ein Wahlergebnis von über 15%. Derzeit liegen die Grünen im Modell knapp 1,7% über ihrem durchschnittlichen Umfragewert. Damit werden sie mit Abstand (SPD +1,07%) durch das Modell am besten bewertet. Die Gründe für diesen Positivtrend scheinen auf der Hand zu liegen: In Stuttgart gelang es, einen grünen Oberbürgermeister zu installieren, in der Urwahl wurde Basisdemokratiefähigkeit bewiesen und mit Katrin Göring-Eckardt führt ein unbelastetes Gesicht die Partei in den Wahlkampf - hin zu bürgerlichen Ufern. Letzteres sollte besonders die ungebundenen Wähler ansprechen, denn dort war Göring-Eckardt zuletzt deutlich beliebter als die Parteiveteraninnen Claudia Roth und Renate Künast. Wähler und Basis haben dafür gesorgt, dass die Grünen mit guten Voraussetzungen ins Rennen starten können. Doch die guten Aussichten werden gleichzeitig von Parteispitze und Realpolitik getrübt. Katrin Göring-Eckardt symbolisiert eine dunkelgrüne Ausrichtung der Partei, sie steht für einen Trend, der zwar in Baden-Württemberg zum Erfolg geführt hat, im Bund aber auch eine Gefahr birgt. Je stärker die Partei ihre Konservativität betont, umso stärker mag sie im bürgerlichen Lager werden, aber eben auch gerade Stammwähler aus dem eher linken Spektrum verprellen. Die mediale Prophezeiung einer schwarz-grünen Koalition hat den Charakter eines Schreckgespenstes und wirkt katalysierend auf diesen Effekt. Und das Modell zeigt noch eine weitere Entwicklung: Während die Grünen im Populartrend Spitzenwerte aufweisen, sie also bei potentiellen Wählern an Sympathie gewinnen, verlieren sie nahezu kontinuierlich an Kompetenzwerten. Der Bürgerkrieg in Syrien und der wieder eskalierende Gazakonflikt wären weitaus besser geeignet, das friedenspolitische Profil der Partei zu stärken, als eine zögerliche Haltung gegenüber der angeforderten Patriot-Lieferung an die Türkei. Doch statt die außenpolitische Karte zu spielen und bei friedensbewegten Altgrünen zu punkten, hält sich die grüne Spitze hier sehr verhalten zurück. Damit verliert die Partei in diesem Punkt an Glaubwürdigkeit. Dafür möchte man das sozialpolitische Profil schärfen und begibt sich dabei auf dünnes Eis: Will man an der Hartz-IV-Schraube drehen, so erinnert man die Wähler auch immer ein stückweit daran, wer sie montiert hat. Sozialpolitik gehört nicht zu den grünen Kernkompetenzen - das bedeutet nicht, dass sie zu vernachlässigen ist, sie ist ein großer Wählerbelang, jedoch besteht die reale Gefahr, in den eigentlichen Kernbereichen an Kompetenzwerten einzubüßen. Das Modell berücksichtigt diese Entwicklung: Ein Punktverlust im friedenspolitischen Profil wiegt schwerer als ein steigender Wert bei Sozialfragen. In der Umweltpolitik haben die Grünen bereits zugunsten der CDU verloren. Der Höhenflug nach der Fukushimakatastrophe wurde mit dem Atomausstieg und der Energiewende durch die Union gebremst. In der Sozialpolitik ist die Konkurrenz links und rechts der Grünen noch größer. Finanzpolitisch trauen die wenigsten Wähler den Grünen Großes zu. Erfahrungsgemäß ist Krieg das beste Szenario, um als Friedenspartei authentisch an Profil zu gewinnen. Diese Gelegenheit scheinen die Grünen ungenutzt zu lassen.
Wenn sie ab jetzt alles richtig machen, können sie ihr Wahlergebnis von 2009 nahezu verdoppeln. Derzeit sieht es danach jedoch nicht aus. Im Gegenteil: Wird das eigene Kernprofil weiter vernachlässigt, kann sich der Aufwärtstrend schnell wieder umkehren.
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