Donnerstag, 22. November 2012

Wahrscheinlichkeiten und Toleranzbereich


Neben dem Zweitstimmenanteil gibt das Modell auch Werte für die Koalitionswahrscheinlichkeiten und die Wahrscheinlichkeiten für einen Parlamentseinzug von FDP, Piratenpartei und der Linken aus. Diese Wahrscheinlichkeiten werden nicht nur durch den jeweils aktuell prognostizierten Zweitstimmenanteil bestimmt. Zudem wird in Abhängigkeit zum Wahltermin ein Streuungsspektrum ermittelt, in dem der zu erwartende Zweitstimmenanteil liegen wird. Je näher die Wahl rückt, desto kleiner wird dieses Spektrum, da angenommen wird, dass sowohl die zugrundeliegenden Umfragewerte als auch die Ausgabewerte des Modells mit näherrückender Wahl genauer werden. Das Streuungspektrum, oder auch der Toleranzbereich, gleicht dem Winkel eines Kameraobjektives, mit dem auf die Wahl geschaut wird. Mit jedem Tag verkleinert sich dieser Winkel. Das hat zur Folge, dass irgendwann Werte von 0% bzw. 100% erreicht werden, auch dann, wenn das Ergebnis unabhängig vom Modell noch als ungewiss gilt. Bewegt sich eine Partei dem Modell nach konstant oberhalb der Fünfprozenthürde, so wird mit fortschreitender Zeit die Wahrscheinlichkeit auf einen Bundestagseinzug steigen. Umgekehrt gilt dasselbe. Es ist daher aber auch möglich, dass eine Partei den Wert von 0% bzw. 100% erreicht und später, sollten sich Umfragewerte oder andere Faktoren signifikant verändern, wieder einen höheren bzw. niedrigeren Wahrscheinlichkeitswert zugewiesen bekommt. Da auch das Modell keinen Anspruch auf eine hundertprozentige Genauigkeit erhebt, bleibt bis zum Wahltermin immer eine Resttoleranz. Die Wahrscheinlichkeitswerte sind daher mit unter aussagekräftiger als der Zweitstimmenanteil in der Mitte des Toleranzbereiches. 

Die Berechnung der Koalitionswahrscheinlichkeit gestaltet sich ähnlich. Anhand der höchsten Zweitstimmenanteile im Toleranzbereich werden die höchstmöglichsten Sitzanteile der jeweiligen Partei bestimmt. Dieser höchstmöglichste Anteil ergibt sich dadurch, dass von jeder anderen Partei das im Toleranzbereich schlechtmöglichste Abschneiden angenommen wird. So erhält die Union z.B. dann die meisten Sitze, wenn Linke, Piraten und FDP nicht in den Bundestag einziehen, was dem jetzigen Stand nach als möglich erscheint. Gleichzeitig wird aber auch der niedrigstmöglichste Sitzanteil bestimmt: Hier orientiert man sich z.B. am unteren Toleranzbereich der Union und unterstellt Linken, Piraten und FDP nicht nur den Parlamentseinzug, sondern ein bestmögliches Abschneiden. Der Opposition selbstverständlich auch. So ergeben sich jeweils für die Wunschkoalitionen CDU/CSU und FDP, sowie SPD und Grüne die im gesamten Toleranzbereich möglichen Minimal- bzw. Maximalsitze und damit die Wahrscheinlichkeiten für eine absolute Mehrheit. Auf die Große Koalition, rechnerisch immer möglich, verfällt die Restwahrscheinlichkeit. 

Eine Koalition aus CDU/CSU und Grünen findet aus politischen Gründen keine Berücksichtigung. Dennoch nicht ganz uninteressant ist vielleicht die Wahrscheinlichkeit dafür, ob eine schwarz-grüne Koalition überhaupt rechnerisch möglich wird - nicht zu verwechseln mit der Wahrscheinlichkeit für diese. Der Wert liegt derzeit bei 68,68%  Eine steigende Tendenz ist anzunehmen. 

Da die Partei die Linke sich stets über der Fünfprozenthürde bewegt, wird ihre Wahrscheinlichkeit für einen Parlamentseinzug mit abnehmender Toleranz stets zunehmen - vorausgesetzt, sie verschlechtert sich in der Berechnung nicht deutlich. Für die Piratenpartei gilt das Gegenteil, damit die Wahrscheinlichkeit steigt, muss sie sich deutlich verbessern. 

Etwas mehr als 300 Tage vor der Wahl lauten die Wahrscheinlichkeiten wie folgt:
Bundestagseinzug Die Linke: 82,21%
Bundestagseinzug Piratenpartei: 22,81%
Bundestagseinzug FDP: 51,05%
Schwarz-Rote Koalition: 47,17%
Schwarz-Gelbe Koalition: 30,54%
Rot-Grüne Koalition: 22,28%

Verkleinern wir nun den Toleranzbereich, indem wir unterstellen, dass es keine Veränderungen gibt und die Wahl bereits übermorgen stattfindet, so wäre der Bundestagseinzug für Die Linke gesichert, die Piraten würden klar an der Fünfprozenthürde scheitern. Lediglich die FDP hätte ihre Chancen nur minimal auf 54,28% verbessert und müsste zittern. Eine Regierungsbeteiligung wäre für sie aber ausgeschlossen. SPD und Grüne hätten eine Mikrochance von gerade mal 0,16% und Angela Merkel würde zu 99,84% Kanzlerin einer Großen Koalition. Die rechnerische Möglichkeit für eine schwarz-grüne Regierung wäre in diesem Fall auch nicht garantiert - ihre Wahrscheinlichkeit betrüge dann 90,86%.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen