Montag, 10. Dezember 2012

Der Stein trügt


Um eine nüchterne Analyse zum SPD-Sonderparteitag zu finden, musste man am gestrigen Abend lange suchen. tagesschau.de titelte “Peer packt’s”, immerhin auch eine Alliteration, aber ohne den “Problempeer”. Und auch der “Pleitenpeer” von bild.de war mit gleich zwei Jubelartikeln dem “Su-Peer” gewichen. Auf Phoenix suchte man am frühen Sonntagmorgen vergeblich nach Missstimmen in den Landesverbänden. Rund sechs Stunden später hätte man erst recht keine gefunden, suchte aber auch nicht mehr. Lediglich Bettina Schausten gab sich in “Berlin direkt” auf dem ZDF als kritische Interviewerin des offiziellen Kanzlerkandidaten. Erst gegen Mitternacht folgte dann eine kleine Erlösung. Den Redakteuren von Spiegel TV waren wenigstens einige Patzer Steinbrücks aufgefallen. So hatte der Kanzlerkandidat sich und Stephan Weil kurzerhand nach Nordrhein-Westfalen verortet. Keine große Sache. Doch wer den Kompass zum Wahlkampfsymbol macht, sollte wenigstens wissen, wo er sich gerade befindet - und wo er bereits Wahlen verloren hat. Allerdings war man bei Spiegel TV auch der Meinung, dass es sich bei den SPD-Mitgliedern um Sozialisten handele. Auch hier schien der Kompass nicht wirklich intakt. Währenddessen schrieb ZEIT Online, Steinbrück sei nun “endlich Sozialdemokrat”. Die heutige taz folgte dem gleichen Motiv. Titel: “Sensation! Steinbrück Sozialdemokrat”. 

Ja, Peer Steinbrück hat bei seiner offiziellen Nominierung die Partei umgarnt. Besser: diejenigen Delegierten, die in Hannover waren. Er hat schöne Bilder gezeichnet, von Penthousebesitzern, die sich um die Aufzüge kümmern müssen und besseren Zeiten deutscher Sozialdemokratie. Und ja, es ist richtig: Wer im Penthouse sitzt, sollte nicht mit Steinen schmeißen und den Aufzug aus eigenem Interesse warten lassen. Sonst müsste er ja den beschwerlicheren Weg durch das Treppenhaus nehmen. Wer im Penthouse sitzt, muss sich aber auch nicht vor den Ratten aus dem Erdgeschoss fürchten, weil der Kammerjäger im Kaufpreis bereits inkludiert war. Wenn es doch noch welche gibt, sitzen sie längst im Keller. Dafür haben die schlechteren Zeiten deutscher Sozialdemokratie, die Steinbrück nicht nur aus dem Geschichtsbuch kennt, gesorgt.

Ja, Peer Steinbrück wurde mit 93,45 Prozent zum Kanzlerkandidaten gekürt. Und nein, liebe BILD, das ist für Euren “Pleitenpeer” kein “triumphales Ergebnis”. Der einzige zählbare Vergleichswert ist nämlich das bessere Wahlergebnis von Frank-Walter Steinmeier 2009. Er war der erste Post-Agenda-Kandidat der SPD und holte dann bekanntlich 23% bei der Bundestagswahl. Steinmeier war seinerzeit nicht unumstritten, schaffte es nur an die Spitze, weil Kurt Beck kurzerhand an den Nürburgring verfrachtet wurde. Er war aber genau wie nun Steinbrück alternativlos. 

Der elfminütige Applaus, der DGB-Chor, der in schiefen Tönen Einigkeit beschwört. Besinnliche Bilder zum Zweiten Advent. Der Nikolaus hatte bereits rote Schals und Strickpullover nach Hannover gebracht. Die Geschlossenheit in den sozialdemokratischen Reihen war nicht dem Kandidaten geschuldet. Steinbrück wurde in seinen knapp zwei Stunden Redezeit nicht zum Sozialdemokrat und auch nicht zum Kanzlerkandidat der delegierten Herzen. Vielmehr war auch die Geschlossenheit alternativlos. Jetzt noch ein Zweifler, eine Missstimme und die Regierungsbank rückt in weite Ferne. Und wehe dem, der zweifelt. Der konnte schon einmal Blick auf das lebende Mahnmal Beck werfen, das Paradebeispiel dafür, wie politische Karrieren in der SPD auch verlaufen können. 93,45 Prozent, das ist wenig, wenn man bedenkt, dass der Erfolg des Kandidaten Steinbrücks eine unmittelbare Auswirkung auf die Karrieren der sechshundert Delegierten hat. 

Die Nominierungsmesse war dennoch so gut wie möglich, vor allem aber, so gut wie nötig. Wenn bürgerliche und linkere Presse ihren neugewonnen Liebling nicht wieder eiskalt abserviert, könnte es für einen Neuanfang gereicht haben. Im Populartrend des Modells überholt die SPD die Union wieder, wenigstens für den Moment. Mehr noch lässt die Werksschließung von Opel in Bochum die Werte der SPD wieder steigen. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet Bochum sich für die Sozialdemokraten nochmal bezahlt macht.

Apropos: Schröder und Schmidt, Steinbrücks Wahlkämpfer, sind auch Sozialdemokraten. Genauso wie Franz Müntefering. Peer Steinbrück wohnt übrigens nicht in einem Penthouse, sondern in einer Gründerzeit-Villa. Aufzüge gibt es da in der Regel nur für die Speisen, die das Hauspersonal zubereitet.

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