Die aktuell vom Modell prognostizierte Wahlbeteiligung liegt bei 74,66%. Dieser Wert basiert auf mehreren Faktoren, die teilweise miteinander korrelieren, sich zum Teil auch wieder gegenseitig aufheben. Es gibt gute Gründe anzunehmen, dass die tatsächliche Wahlbeteiligung im September 2013 unter diesem Wert liegt. Sowohl 2005, als auch 2009, war die Wahlbeteiligung bei den Bundestagswahlen mit 77,7% bzw. 70,8% jeweils auf ihrem historischen Tiefpunkt. Betrachtet man die Wahlbeteiligungen für Kommunal-, Landtags- und Europawahlen, so ist bis auf wenige Ausnahmen ein kontinuierlicher Abwärtstrend bemerkbar. Das Phänomen sinkender Wahlbeteiligungen ist nicht nur auf Deutschland begrenzt, es ist fast in allen westlichen Demokratien spürbar. Ein signifikanter Anstieg scheint daher sehr unwahrscheinlich. Gegen eine hohe Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl 2013 spricht bis dato auch der niedrige inhaltliche Kontrast zwischen beiden großen Lagern und die damit einhergehende schwache Polarisierung der Wählerschaft. Verglichen mit den USA, in denen die Wahlbeteiligung bei den Präsidentschaftswahlen stets weit unter der für den deutschen Bundestag liegt, kann man hierzulande kaum eine gesellschaftliche Spaltung in zwei Lager ausmachen. Es ist auch unwahrscheinlich, dass dies bis zum Zeitpunkt der Wahl noch geschehen wird. Lediglich der demographische Wandel spricht für eine höhere Wahlbeteiligung als 2009. Die älteste Wählergruppe hat stets die höchste Wahlbeteiligung - und diese Gruppe wächst beständig. Dennoch ist nicht auszuschließen, dass auch 2013 wieder ein historischer Tiefpunkt bei der Wahlbeteiligung erreicht wird.
Wahlberechtigt sind im September 2013 etwa 52 Millionen Deutsche. Sehr grob geschätzt liegt die Zahl der Urnengänger also bei 33,8 Millionen (65% Wahlbeteiligung) und 41,6 Millionen (80% Wahlbeteiligung). Dem Modell nach werden etwa 38,8 Millionen Deutsche 2013 den Bundestag wählen.
Die Werte für beide Lager liegen derzeit bei 41,5% für die amtierende Regierung und 45% für SPD und Grüne (gerundet). Sehr viel wird sich aller Wahrscheinlichkeit nach an dieser Verteilung bis zum Wahltermin nicht mehr ändern. Zwar liegt die Opposition damit relativ deutlich in Führung und wird diese voraussichtlich auch halten, jedoch sagt dies nicht viel über die eigentlichen Wahlsieger aus. Denn wer ab 2013 in Deutschland regieren wird, hängt hauptsächlich von einem Faktor ab. Es ist derzeit sehr wahrscheinlich, dass die Piratenpartei nicht in den Bundestag einziehen wird, die Partei Die Linke den Einzug dagegen schafft. Unklar ist und bleibt, ob es der FDP gelingen wird. Dabei schwankt das prognostizierte Wahlergebnis bislang immer knapp ober- und unterhalb der Fünfprozenthürde. Der höchste Wert war 5,07% der Zweitstimmen, der niedrigste 4,85%. Damit ist nicht nur der maximale Abstand zur entscheidenden Grenze mit 0,15% sehr niedrig, auch die Spanne von 0,23% ist äußerst klein. Genau diese 0,23% der Wähler werden letztlich die Wahl entscheiden. Zieht die FDP wieder in den Bundestag ein, so wird es trotz der relativen Mehrheit für Rot-Grün nur für eine Große Koalition reichen. Scheitert die FDP aber und scheidet sie aus dem Bundestag aus, scheitert von Linken und Piraten auch mindestens eine Partei, dann ist der Weg für rot-grüne Koalition frei. Nach gegenwärtigen Berechnungen entsprechen die 0,23% der Wähler, die sich mal für und mal gegen die FDP entscheiden, etwa 89 000 Wahlberechtigten. Das ist etwas mehr als ein Drittel eines durchschnittlichen Wahlkreises. Rund 150 mal mehr Wahlberechtigte werden nicht wählen. Die Grenze, um in Deutschland als Großstadt zu zählen, liegt bei 100 000 Einwohnern. Damit entscheidet voraussichtlich eine Mittelstadt über den Wahlausgang. Würde die Belegschaft nur eines großen deutschen Automobilbauers - mit Ausnahme von Opel, die nur rund 40 000 Mitarbeiter beschäftigten - ihre Stimme geschlossen der FDP geben, könnte sie damit eine rot-grüne Regierung unter dem Kanzler Peer Steinbrück verhindern. Tatsächlich könnten sogar viel weniger Stimmen den Unterschied machen, wenn die Wahlbeteiligung unter der von 2009 zurückbleibt.
Der zu erwartende Lagerwahlkampf von SPD und Grünen sollte also vor allem auf die FDP abzielen. Und selbst dann reicht es womöglich nicht. Die FDP bräuchte einen frischen Spitzenkandidaten - der, wie jüngst von Dirk Niebel vorgeschlagen, nicht gleichzeitig das Amt des Parteivorsitzenden inne haben müsste - und könnte so die Mittelstadt für sich gewinnen. Außerdem muss und wird die Union alles tun, um die FDP so weit wie nötig zu unterstützten. Alles andere wäre Harakiri.
295 Tage vor der Wahl hat Rot-Grün mit über 50% die höchste Koalitionswahrscheinlichkeit, gefolgt von Schwarz-Gelb mit rund 28%. Die Große Koalition steht bei gerade einmal 20%. Am Wahltag aber wären bei gleichen Zweitstimmenanteilen die Chancen ungleich anders verteilt. 56,79% für die Große Koalition, 43,21% für Rot-Grün. Für Schwarz-Gelb ist die Chance dann nach Adam Riese gleich 0.
Die FDP weiß sehr genau, dass ein Verbleib in der Koalition am 22. September 2013 so gut wie ausgeschlossen sein wird. Und sie weiß, dass ihr Verbleib im Parlament über Angela Merkels Kanzlerschaft entscheiden wird. Vier Prozent in den Umfragen und 4,85% im Modell mögen sich miserabel lesen. Dennoch: Die FDP hat die denkbar komfortabelste Ausgangssituation. Sie kann die Union in Geiselhaft nehmen. Diese war möglicherweise zu sicher, dass es mindestens zwei der drei kleinen Parteien in den Bundestag schaffen würden. Nach dem Abstieg der Piraten steht das aber auf der Kippe. Jetzt muss Merkel die FDP halten und stützen wo sie nur kann, koste es, was wolle. Gezahlt wird in Bundestagssitzen. Schmecken dürfte der Kanzlerin diese Rechnung nicht. Und die Bürger könnten ihr noch einen Strich durch machen, indem sie nur ihren Stimmzettel ausfüllen. Weil das so viele aber nicht tun werden, entscheidet am Ende eine Mittelstadt zwischen Steinbrück und Merkel, indem sie weder den einen, noch die andere wählt. Oder eben doch.
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