Montag, 23. September 2013

Abschlussanalyse

Das vorläufige amtliche Endergebnis liegt vor. Versagt hat nicht nur die FDP, versagt hat auch das Modell. Das erklärte Ziel, näher am tatsächlichen Wahlergebnis zu liegen, als die Umfragen der Demoskopieinstitute, wurde nicht erreicht. Schlimmer noch, im Mittel liegt bei den Modellwerten sogar die höchste Abweichung zum Wahlergebnis vor. Außerdem wurde der FDP der sichere Bundestagseinzug bescheinigt. An dieser Stelle gibt es nicht viel zu beschönigen, die Prognose ist eindeutig fehlgeschlagen. Dennoch erscheint eine Analyse über die Berechnungsfehler im Modell sinnvoll, denn letztendlich haben nur wenige Feinjustierungen diese katastrophale Abweichung herbeigerufen.

Zunächst einen Überblick über die Abweichungen zwischen Prognosen, Umfragen und Wahlergebnis:

Modellwert (21.09.) Allensbach (20.09.) Emnid (20.09.) Forsa (20.09.) Forschungsgruppe (19.09.) GMS (10.09.) Infratest (12.09.) INSA (19.09.) election.de (20.09.) PESM Wahlbörse (21.09. 0 Uhr)
UNION 3,8% 2,0% 2,5% 1,5% 1,5% 1,5% 1,5% 3,5% 2,6% 4,2%
SPD 0,8% 1,3% 0,3% 0,3% 1,3% 0,7% 2,3% 2,3% 0,6% 0,1%
GRÜNE 2,2% 0,6% 0,6% 1,6% 0,6% 2,6% 1,6% 0,4% 1,6% 2,0%
FDP 2,1% 0,7% 1,2% 0,2% 0,7% 0,2% 0,2% 1,2% 1,7% 1,8%
LINKE 0,8% 0,4% 0,4% 0,4% 0,1% 0,4% 0,6% 0,4% 0,1% 0,3%
PIRATEN 0,1% 0,2% 0,2% 0,8% 0,3% 0,2% 0,3% 0,3%
AFD 0,3% 0,2% 0,7% 0,7% 0,7% 1,7% 2,2% 0,3% 1,2% 0,4%
SONSTIGE 0,0% 0,5% 0,8% 0,0% 0,2% 0,0% 0,0% 0,0% 0,4%
MITTELWERT 1,30% 0,70% 0,90% 0,60% 0,70% 1% 1,10% 1% 1,20% 1,20%

Nur einmal lag das Modell goldrichtig, bei den Sonstigen Parteien nämlich. Jedoch besteht hier ohnehin die geringste Abweichung, lediglich Institute, die die Piratenpartei nicht mehr separat ausgewiesen haben, weichen hier etwas ab. Innerhalb der Toleranz liegen noch die Piraten und die AfD, bei den Piraten liegt im Vergleich sogar die geringste Abweichung vor. Mit 0,8% Abweichung bei SPD und Linkspartei liegt das Modell auch noch im Rahmen. Grüne, FDP und vor allem die Union sind die größten Ausreisser. 

Als am gestrigen Nachmittag die Nachricht von einer gestiegenen Wahlbeteiligung die Runde machte, schien klar: Das Modell wird daneben liegen. Jedoch ist die Wahlbeteiligung im Vergleich zu 2009 nicht so stark gestiegen. Zwar war sie im Modell mit 68,5% nicht korrekt beziffert, aber nicht die ausschlaggebende Fehlerstelle. Trotzdem: Die Wahlbeteiligung errechnete sich aus dem Abstand zwischen Union und SPD, sowie dem von Union/FDP gegenüber SPD und Grünen. Ein Fehler, wie sich herausstellen sollte. Unbeachtet blieb das Verhältnis von Regierung zu Opposition (da aufgrund nicht vorhandener Koalitionsmöglichkeiten so auch kein Kopf-an-Kopf-Rennen besteht) sowie generelle Mobilisierungseffekte. Genau jene hat es aber gegeben, nicht zuletzt hatte die BILD kostenlos zur Stimmabgabe aufgerufen. Auch andere Medienkampagnen fanden keine Berücksichtigung.

Wäre die Wahlbeteiligung korrekt mit 71,5% ausgegeben worden, hätte sich das im Modell wie folgt ausgedrückt:

Union: 37,8%
SPD: 26,1%
FDP: 7%
Grüne: 10,2%
Linke: 9%
Piraten: 2%
AfD: 4%
Sonstige: 4%

Während SPD und Linke damit also in den Toleranzbereich gerückt wären und auch die Grünen näher am Wahlergebnis gelegen hätten, wäre die Union so nur leicht gestiegen und die AfD sogar aus dem Toleranzbereich geflogen. Bei der FDP hätte sich nichts wesentlich verändert.

Die Leihstimmen von Union für die FDP lagen im Modell bei einem Potential von 4,7% - tatsächlich abgerufen hätten 0,94% werden sollen. Dieser Wert hätte gestrichen werden müssen, spätestens, als die Union um jede Zweitstimme geworben hat. Mit seinem Wahlverhalten hat sich der strategische Wähler aus dem bürgerlichen Lager selbst abgeschafft - eine Entwicklung, die schwer vorhersehbar war.

Streicht man diesen Wert, ergeben sich folgende Modellwerte:
Union: 38,7%
SPD: 26,1%
FDP: 6%
Grüne: 10,2%
Linke: 9%
Piraten: 2%
AfD: 4%
Sonstige: 4%

Besser, aber noch nicht nah genug dran.

Mit ausschlaggebend für das Bundestagswahlergebnis und als Indikator falsch herangezogen wurde die Landtagswahl in Bayern. Der CSU-Faktor wurde mit -0,5% minimal von null herabgesetzt.
Ein Wert von -5 (also etwa dem Prozentsatz, den die CSU zugelegt hat) bringt uns entscheidend in die richtige Richtung.

Union: 40,2%
SPD: 25,8%
FDP: 5,5%
Grüne: 9,8%
Linke: 8,9%
Piraten: 1,9%
AfD: 3,7%
Sonstige: 4%

Nun drehen wir den Leihstimmenfaktor einmal um - denn nach dem gestrigen Sonntag dürfte klar sein, dass die Union nicht nur für die FDP mobilisieren, sondern ihr sogar innerhalb des bürgerlichen Lagers Stimmen entziehen kann. Und siehe da, ein gedrehter Leihstimmenfaktor ergibt:

Union: 41,2%
SPD: 25,8%
FDP: 4,6%
Grüne: 9,8%
Linke: 8,9%
Piraten: 1,9%
AfD: 3,7%
Sonstige: 4%

Um Grüne und AfD gerade zu biegen, muss gar nicht viel getan werden. Die Grünen müssen lediglich im Populartrend (Modellwert 0) abgewertet werden. Eine Sache, die angesichts der starken Medienkampagne gegen die Grünen kurz vor der Wahl nur allzu sinnvoll erscheint. Wählen wir hier einen Wert von -2 (dieser liegt dann zwischen Union und FDP) erhalten wir:

Union: 41,2%
SPD: 25,8%
FDP: 4,6%
Grüne: 8,9%
Linke: 8,9%
Piraten: 1,9%
AfD: 4,7%
Sonstige: 4%

Et voila. Alle Werte wären nun im Toleranzbereich gewesen.
Natürlich geht so etwas im Nachhinein besser - jedoch, alle Änderungen erscheinen sinnvoll und hätten tatsächlich das korrekte Ergebnis prognostiziert. Die FDP hätte dann eine Wahrscheinlichkeit von 8,6% auf den Bundestagseinzug bekommen, die AfD 15,4%.

Wahlbeteiligung, Leihstimmen- und CSU-Faktor, sowie eine Abwertung der Grünen im Populartrend. Mehr hätte es nicht gebraucht. Weniger aber auch nicht.

Bei all der Abweichung sei nun abschließend noch erwähnt, was das Modell richtig prognostiziert hat:

Angela Merkel wird Kanzlerin bleiben. Gesicherter Wert am 08.01.2013.
Die Piraten werden nicht in den Bundestag einziehen. Gesicherter Wert am 14.12.2012.
Die LINKE wird in den Bundestag einziehen. Gesicherter Wert am 06.12.2012.
Dass die AfD sicher nicht in den Bundestag einziehen würde, hat sich als falsche Prognose herausgestellt. Wie erwähnt, eine Restwahrscheinlichkeit von 15% hätte bestanden. 

Positiv ist, dass für eine Runderneuerung des Modells nun gut drei Jahre Zeit bleiben. Negativ, dass die FDP dann vermutlich ein unkalkulierbarer Faktor wird. Das erklärte Ziel von BuTa17: Eine Abweichung unter 1% ;)


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