Samstag, 24. November 2012

Prädiktor Eurokrise

Kein Thema beherrscht die jetzige Regierung so stark wie die Schuldenkrise in Europa. Und kein Sachthema findet im Modell so hohe Relevanz für den Wahlausgang. Vorweg: Die Überlegung, dass die Euro- und Schuldenkrise mit all ihren Auswirkungen die Wahl stark beeinflussen könnte, mag vielleicht gar nicht stimmen. Immer größere Hilfspakete für Griechenland, sowie die Möglichkeit, dass der Steuerzahler im Falle eines Schuldenschnittes sein Geld nicht wiedersieht, haben die Umfrage- und Zustimmungswerte für die Kanzlerin bisher nicht sinken lassen. Nicht selten wurden getroffene Aussagen relativiert oder gar revidiert. Geschadet hat es bislang nicht. Das gibt zu denken. Und es gab auch zu denken, als die Einflussgröße der Eurokrise für die Modellberechnung festgelegt wurde. 


Eine der schwersten Fragen war, wie sich - unabhängig von ihrem Einfluss - die Krise überhaupt in Zahlen ausdrücken lässt. Spielt die Höhe der Hilfsleistungen eine große Rolle? Ist die deutsche Wirtschaftslage wichtiger? Misst diese sich in Arbeitslosenzahlen oder doch eher im Bruttoinlandsprodukt? Welcher Wert zählt überhaupt? 



Es erschien zunächst sinnvoll, die Eurokrise grob in drei Kategorien zu unterteilen: Die Krisenaktivität außerhalb Deutschlands, die Krisenaktivität in Deutschland und die Einigkeit des Regierungshandelns bezüglich der Krise. Für alle drei Kategorien wurden dann Skalen erstellt. Bestimmte Bedingungen bzw. Krisenfolgen müssen für eine entsprechende Aktivitätseinstufung gegeben sein. Sind Bedingungen nur teilweise gegeben, kann auch eine Zwischeneinstufung erfolgen. Die Krisenaktivität innen und außen wurde zusätzlich in drei Subkategorien Wirtschaft, Gesellschaft und Politik unterteilt. Bedingungen für die höchste Krisenstufe außerhalb Deutschlands wären z.B. Bürgerkriegsszenarien mit Militäreinsatz (Gesellschaft), Staatsbankrotte (Wirtschaft), ein Austritt aus der Eurozone (Wirtschaft und Politik) oder ein Putsch (Politik). Es erschien naheliegend, dass sich das Krisenniveau auf der höchsten Stufe exponentiell stärker auswirkt, als ein Niveau auf der Vorstufe. Alle Stufen werden deshalb nicht-linear gewichtet. Während es einfach erschien, scheinbar objektive Kriterien für die jeweiligen Aktivitätsstufen zu finden, war es wesentlich schwieriger Bedingungen zu definieren, an denen sich ein abschwächendes Krisenniveau manifestiert. Wenn nämlich eine starke Krise die Wahl beeinflussen sollte, dann müsste dies auch im umgekehrten Fall, der absoluten Überwindung der Krise mit anschließendem Wirtschaftswachstum gelten. Im negativen Aktivitätsbereich der Skalen finden sich daher gröbere Unterteilungen, denn es ist schwer festzulegen, ob die Eurokrise nun stark oder nur leicht nicht aktiv ist. Glücklicherweise für die Berechnung scheint eine vollständige Überwindung der Krise bis zur Bundestagswahl nicht in Sicht. Schwierig gestaltet sich auch die Einschätzung der Regierungseinigkeit in Bezug auf die Schuldenkrise. So ist die Einigkeit nicht immer objektiv messbar. Gibt es hinsichtlich der Eurorettung konträre Positionen innerhalb der Regierung, so ist zwar klar, dass keine vollständige Einigkeit besteht, die genaue Einstufung erfordert aber eine Abschätzung und Fingerspitzengefühl. Abweichende Meinungen oder Einschätzungen einzelner Politiker machen noch keinen handfesten Koalitionsstreit. Droht aber ein Koalitionsbruch, so hat die Eurokrise auch innerhalb der Bundesregierung ihre höchste Aktivitätsstufe erreicht. 



Nachdem der Kriterienkatalog und die Aktivitätsgewichtung festgelegt wurden, schloss sich die Frage nach dem unmittelbaren Einfluss auf die Wahl an. Hier streng-wissenschaftliche Maßstäbe anzulegen war unmöglich. Vielmehr definierten bisherige Erfahrungen mit der Euroschuldenkrise im Speziellen, sowie mit Krisen im Allgemeinen den Einflussgrad. Dabei spielen die jeweiligen Aktivitätsstufen in allen drei Kategorien und besonders ihr Zusammenspiel für jede Partei eine individuelle Rolle. Beispielsweise wird angenommen, dass die Union bis zu einem gewissen Punkt von einer hohen Krisenaktivität außerhalb Deutschlands profitiert, jedoch auch nur dann, wenn die Auswirkungen der Krise in der Bundesrepublik selbst gering sind und eine gewisse Einigkeit im Umgang mit der Krise innerhalb der Regierung besteht. Die Opposition würde besonders von einer Verschärfung der Krise in Deutschland profitieren, die SPD stärker als die Grünen. Für die Linke ist jede Aktivitätserhöhung, ob in Deutschland oder Europa, ein Stimmenbeschaffer, es sei denn, die Regierung präsentiert sich so geschlossen und souverän, dass man ihr ohne Weiteres ein gutes Krisenmanagement zutraut. Dies würde linke Potentiale schwinden lassen. Konzentriert sich die Krise plötzlich auf Deutschland und schwächt gleichzeitig im Rest Europas ab, nimmt sie wieder einen anderen Einfluss auf die Wahl. Die einzige Partei, die in keinem Fall von einer stärkeren Krisenaktivität profitieren kann, sind die Piraten. Grund ist die Unterstellung, dass im verschärften Krisenfall weniger Protestwähler ihre Stimme einer Partei geben, der die kleinste Lösungskompetenz attestiert wird und sich eher linken oder rechten Parteien, sowie den populistischen, "euroskeptischen" Kleinparteien zuwenden. Je schwächer die Auswirkungen der Krise aber sind, desto mehr Wählerpotential ensteht für die Piraten. Ergo ist eine Stimme für die Piratenpartei in gewissem Maße auch politischer Luxus, den man sich erst einmal leisten muss. Insbesondere, wenn es um das höchste deutsche Parlament geht.



Nun mag manche Überlegung zunächst einen Haken haben. So hat die Union durchaus auch vom Koalitionsstreit profitiert, und zwar, weil nicht zuletzt abweichende und teils populistische Stimmen innerhalb der CSU zur Griechenlandhilfe dieser in Bayern zu einem aktuellen Umfragehoch verholfen haben. Dieser und andere Effekte werden aber innerhalb des Modells an anderen Stellen durchaus berücksichtigt und “gutgeschrieben”. Zum Teil spiegelt sich die Krisenentwicklung natürlich auch bereits in den Umfragewerten wider. Andererseits gibt es Kriseneffekte, die sich erst zeitverzögert im politischen Stimmungsbild auswirken und sogar erst am Wahltag zum Tragen kommen. Auch dies wurde berücksichtigt.



Die Zusammensetzung von Krisenfaktoren beeinflusst Vertrauen und Ängste, wichtige indirekte Einflussgrößen für die Wahl. Eine genaue Berechnung ist schwierig, die Krise kann aber je nach Verlauf noch starke Auswirkungen auf die Wahl haben. Es sind durchaus Prognosen über den weiteren Krisenverlauf möglich, jedoch mit einer hohen Gefahr, dass sich diese später als falsch herausstellen und das erwartete Ergebnis zu sehr verzerren. Das Modell arbeitet daher ausschließlich mit aktuellen Aktivitätswerten und gibt keinen Ausblick auf den weiteren Verlauf der Krise. Eines aber sei verraten: Eine bestimmte Krisenkonstellation kann auch bei den jetzigen Umfragewerten dem Modell nach zu einer stabilen Mehrheit für Rot-Grün führen und die FDP sicher aus dem Bundestag verbannen. Befürworter dieses Szenarios können also noch hoffen. Bei diesem Zusammenspiel der Krisenfaktoren ist auch sicher, dass der Benzinpreis nach der Wahl nicht auf zwei Euro steigen wird. Die Gemeinschaftswährung wäre dann nämlich schon nicht mehr existent.

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